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SDL 2018 (16.09)

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Theater der Vielfalt und Teilhabe

Rund 60 Teilnehmer der Mitgliederverbände aus den Bundesländern trafen sich am Abend des ersten Arbeitstags im ehemaligen Refektorium , welches heute ein modern ausgestatteter Veranstaltungssaal der HMT ist. Hier wurden sie vom Vorstand des BVTS Ulrike Mönch-Heinz und Gunter Mieruch und von den Vertretern des Landesverbandes Theater in der Bildung Mecklenburg-Vorpommern Anja Umland und Erik Raab herzlich begrüßt. Das Thema der diesjährigen Tagung war der Umgang mit Inklusion, Heterogenität und Transkulturalität als Chance und Herausforderung. Das inklusive Theater geht von einem Theater der Vielfalt aus, dem der Leitgedanke „Theater ist für alle da“ vorausgeht. Der Theaterunterricht an unseren Schulen sollte alle Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Kulturen und Ethnien, mit oder ohne Handicaps inkludieren. Deswegen waren die zentralen Fragestellungen für diese Tagung: Ist Darstellendes Spiel/Theater dafür auch gut aufgestellt? Ist es auch geeignet, wie kaum ein anderes Fach, so die Behauptung, inklusive Unterrichtsprinzipien zu verwirklichen? Sind die Theaterlehrkräfte hinreichend didaktisch und methodisch darauf vorbereitet? Sind sie bereit, ihr eigenes Referenzsystem kritisch zu hinterfragen?

Diesen Fragen gingen die Teilnehmer mit den Fachimpulsen verschiedenen Referentinnen und Referenten nach. Die Professorin Marion Küster der HMT Rostock bildete den Auftakt der Eröffnungsveranstaltung mit ihrem Vortrag „Ich will herausfinden, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ Diese Frage hat bei Emanzipationsprozessen der Umsetzung von Inklusion Gültigkeit. Was heißt Behinderung? Wer behindert wen? In Bezug gesetzt zu Hendrik Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ wird hier aufgezeigt, wie Nora die Grenzen der Beschränkung erkennt und überwindet und sie somit für verrückt erklärt werden muss, ansonsten würden die Machtverhältnisse in Frage gestellt werden. Bei Prozessen der Inklusion geht es ebenso um einen inneren Haltungswechsel und dieser gelingt nur über Empathie. Inklusion heißt Unterschiede erkennen und anzuerkennen, nicht, die Unterschiede zu minimieren und Gleichheit zu erzwingen. Desweitern reicht es nicht, wenn Regierungen Prozesse der Inklusion einleiten, es müssen organisatorische Strukturen geschaffen werden, das heißt, nicht nur die innere Haltung muss sich ändern, sondern auch die äußeren Bedingungen, damit eine Grundhaltung des gemeinsamen lebenslangen Lernens und Wachsens im Austausch mit allen Beteiligten untereinander entstehen kann. Sie betonte hierbei besonders den liebevollen Blick auf uns selbst und die anderen. Theater in Schule kann über künstlerische Erfahrung Wahrnehmung schärfen und helfen Neuorientierung handelnd zu erleben. Mecklenburg-Vorpommern ist hier auf einem guten Weg, denn Theater ist hier von der 1. bis zur 10. Klasse Pflichtfach und demzufolge wird demnächst eine Professur für die Lehrerbildung für dieses Fach an der HMT eingerichtet. Dafür wird der Studiengang Theaterpädagogik aber leider wegfallen.

Anschließend referierte Maike Plath, Autorin, Theaterpädagogin und Lehrerin aus Berlin. Mit ihrem Vortrag „Vielfalt als Glücksfall“ bewegte sie die Gemüter, da sie einführend auf die politische Weltlage und die damit sichtbaren Gefahren für die Demokratie einging, indem sie klar umriss, wie Demütigung durch Zynismus, Überheblichkeit und Ignoranz einer erfolgreichen Gesellschaft der demokratischen Vielfalt derzeit entgegensteht. Denn wer sich im derzeitigen Referenzsystem nicht berücksichtigt fühlt oder anpassen kann, fühlt sich gedemütigt und ausgeschlossen und wird andere Wege gehen um diese Demütigung zu kompensieren. Inklusion als gesamtgesellschaftliche Perspektive kann nur gelingen, wenn ALLE sich mit ihren Perspektiven eingeschlossen fühlen in die Gestaltung der Gesellschaft. Eingewanderte und weiße Herkunfts-Deutsche, sogenanntes „Establishment“ und sogenannte „underdogs“ sowie Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen oder streng Gläubige, Junge und Alte, Akademiker und Arbeiter, Menschen aus der Provinz und den Großstädten – Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Eine Gesellschaft, die sich Diversität auf die Fahnen schreibt, muss diese Vielfalt auch leben können. Bildung ist das Mittel, um die gesellschaftliche Teilhabe der Vielen zu ermöglichen. Hierbei dient Theaterunterricht als Schlüssel. Anschließend veranschaulichte sie ihre unterrichtspraktischen Erfahrungen an einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin-Neukölln, an der sie durch Theaterarbeit positive Entwicklungen initiieren konnte und dadurch ermutigt ein didaktisches System entwickelte, welches sie als ACT in Workshops vermittelt. Dazu zeigte sie einen kurzen Film, in dem zu sehen war, wie die Schülerinnen und Schüler in ihrem partizipativ gestalteten Theaterunterricht agierten. Es gab viel Beifall und sehr emotionale Reaktionen im Publikum für diesen Vortrag.

Der zweite Tag wurde eingeleitet mit einem Vortrag der isländischen Dozentin Ása Helga Ragnarsdóttier von der University of Iceland, School of Education und der Iceland Acadamy of Arts. Sie ist hier in die Lehrerausbildung und die Entwicklung der Rahmenpläne involviert, hat zahlreiche Bücher über Theaterpädagogik geschrieben und ist selbst Schauspielerin. Eingangs eröffnete sie uns die großartige Tatsache, dass das Fach „Drama“ in Island seit 2013 ein Schlüssellernbereich im nationalen Rahmenlehrplan ist und verpflichtender Gegenstand für alle Studenten in der Ausbildung. Island ist daher das erste europäische Land, das Nachahmer finden muss. Ob die darstellenden Künste ihren Platz behaupten werden, hängt von der Regierung und den Schulbehörden ab. Es hängt auch von der guten Ausbildung der Theaterlehrer ab, ihrer Beteiligung und ihrem Interesse. Desweitern stellte sie ein Projekt aus der Grundschule vor, welches Inklusion als Fokus hat. „Jeder kann etwas, keiner kann alles“ ist ein Buch für Kinder, in dem eine Maus namens Frederik anders als die übrigen Mäuse, nicht Körner und Nüsse für den Winter sammelt, sondern Farben, Gedichte und Wörter, um in der kalten Zeit die Herzen seiner Freunde mit Kunst zu erwärmen. Diese Geschichte steht symbolisch für die Bedeutung von Kunst in unserem Leben.

Den Hauptteil des Tages nahmen anschließend die Workshops ein, in die sich die Teilnehmer aufteilten. Der Lehrer und Bühnenbildner Marius Dechant aus Nürnberg leitete den Workshop „Darstellendes Spiel und Migration“, in dem vorrangig über Kinder und Jugendliche mit Flucht- und Migrationserfahrungen nachgedacht wurde. Dabei standen Spracherwerb und künstlerisch-biografischer Ausdruck im Fokus. Hier wurde die eigene Haltung zur kulturellen Arbeit mit diesen Schülerinnen und Schülern hinterfragt und Herangehensweisen praktisch erprobt und reflektiert.

Die Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin Dorothee de Place aus Hamburg leitet eine integrative Theatergruppe und bot einen Workshop mit dem Schwerpunkt DanceAbility an. Das ist eine spezielle Richtung der Kontaktimprovisation für Menschen mit und ohne körperliche Behinderungen, gegründet von dem amerikanischen Tänzer und Choreographen Alito Alessi. Sie hatte drei Menschen aus ihrer integrativen Theatergruppe mitgebracht, mit denen wir während des Workshops zusammenarbeiteten und sehr schöne Erfahrungen machen konnten, da die fließenden Bewegungen dieser modernen Tanzrichtung ein Miteinander im wahrsten Sinne des Wortes ermöglichte. Den zweiten Teil ihres Programms bildete eine Einheit mit szenischen Improvisationen zu Texten, auch hier konnten wieder alle Beteiligten sehr bereichernd zusammenarbeiten, ganz nach Dorothee des Places Motto: „Einzige Startbedingung: Wir sind jetzt hier.“

Der dritte Workshop „Diversität produktiv machen“ wurde von Maike Plath geleitet. Hier wurden praxistaugliche Konzepte für gelingende Inklusion erprobt, die auf ihrem ACT-Material aufbauten. Die Grundprinzipien ihres Ansatzes der partizipativen, biografischen Theaterarbeit wurden erläutert und angewandt, die vor allem die Fragen ernst nehmen, wie man mit Schülerinnnen und Schülern umgeht, die Widerstände im herkömmlichen Unterricht zeigen und wie wir Lernprozesse in Gang setzen, die Vielfalt als Glücksfall spürbar machen.

Der Theaterpädagoge Leandro Gomes aus Brasilien arbeitet unter anderem in einem Heim für minderjährige Geflüchtete in Berlin. In seinem Workshop „Inklusion durch Theater – Warum ist Teilhabe so herausfordernd ?“ wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen, sich in kurzen Gesprächen über persönliche Erfahrungen mit Inklusion in ihren Arbeitsfeldern auszutauschen. Im weiteren Verlauf ging es um die Vermittlung, das Ausprobieren und die Reflexion von Theaterspielen als Werkzeug, um neue Perspektiven für die Arbeit mit Inklusion zu schaffen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Der Tag wurde abgeschlossen mit einem gemeinsamen Theaterbesuch. In der Compagnie de Comédie, einem kleinen Theater direkt am Hafen, fand zur Zeit das Landestheaterfestival Dialoge statt. In diesem Rahmen wurde das Stück „Oedipus!Schwellfuß!“ aufgeführt, eine Produktion des Kreisdiakonischen Werkes Stralsund e.V. mit dem Theater Vorpommern und den Stralsunder Werkstätten. Hier wurde die Geschichte des Ödipus von der integrativen Theatergruppe „Die Eckigen“ unter Regie von Gerd Franz Triebenecker inszeniert. Die traumatische Erfahrung von Gewalt, Ausgrenzung und Anderssein wurde von den Beteiligten in einer verstörenden Inszenierung über seelische und körperliche Verletzungen und der Sehnsucht nach Heilung dargeboten. Nach der Vorstellung gab es eine emotional aufgeladene Diskussion zwischen Publikum, Regisseur und Theaterleiterin über das Gelingen des integrativen Ansatzes. Es zeigten sich unterschiedliche Meinungen zur Arbeit mit Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Leider wurde diese Diskussion frühzeitig abgebrochen, so dass der Kritik nicht genügend nachgegangen werden konnte. Dies konnte erst beim anschließenden Abendessen vertieft werden.

Am letzten Tag der Tagung konnten wir im oben genannten Theater Schüleraufführungen im Rahmen des Dialoge-Festivals sehen. Hier zeigten integrative Schülergruppen aus Rostocker Schulen Ergebnisse aus ihren einwöchigen Workshops zu Alice im Wunderland, teils als Schattenspiel , Puppentheater oder theatrale Szene. Ein starker Applaus honorierte zum Schluss die Aufführungen.

Mit vielen Eindrücken, Gedanken, Anregungen und neuen Erfahrungen zum Theater der Vielfalt bereichert war diese Tagung ganz sicher eine gelungene Veranstaltung für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Annette Kaufhold

Stellvertretende Vorsitzende der Brandenburger Landesarbeitsgemeinschaft Theater in Schulen e.V.

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